Ich wuchs in einem kleinen Dorf am Jurasüdfuss auf. Schon ab dem Alter von 9 Jahren fuhr ich selbständig mit dem Zug ins Schwimmtraining oder in die Pfadi. Als ich 15 war, wechselte ich in eine neue Sportart. Ich wollte Unihockey spielen, auch wenn die Trainings später am Abend und etwas weiter entfernt von zuhause stattfanden.
In der Diskussion, die ich dabei mit meinen Eltern hatte, erlebte ich zum ersten Mal das Phänomen, dass ich für das Verhalten anderer bestraft werden sollte. Wie ungerecht! Meine Eltern befürchteten nämlich, dass es gefährlich für mich sein würde, nach 22.00 Uhr als Teenager am Bahnhof Langenthal auf den Zug zu warten. Vermeintlich, weil sich die «Drögeler» dort an mir vergreifen könnten. Was nicht in Frage kam: diese Ungerechtigkeit damit auszugleichen, dass mich meine Eltern zweimal pro Woche mit dem Auto bei der Turnhalle abholten. Schlussendlich setzte ich mich durch – unter anderem, weil ich erwähnte, dass ich im Fall der Fälle den Unihockeystock zur Verteidigung verwenden könnte.
Meine Eltern lagen nicht komplett falsch: die späten Abende waren nicht ohne ihre unangenehmen Momente. Nur waren diejenigen, die sie im Verdacht gehabt hatten (Drögeler also Suchtkranke) nicht das Problem. Mulmig war es mir zumute, wenn im kleinen Regionalzug Männer mit und ohne Migrationshintergrund ihre Streitereien in grösster Lautstärke und vereinzelt auch mit physischer Gewalt austrugen, so dass der Zugfahrer eingreifen musste. Natürlich sagte ich das meinen Eltern nicht! Ich hatte ja gelernt, dass ich die Konsequenzen für das Fehlverhalten anderer würde tragen müssen. Dabei wollte ich einfach nur Unihockey spielen.
Ich erzähle diese Geschichte deswegen, weil dieselben Muster weiterhin greifen:
- Die Gefahrenquellen werden nicht korrekt identifiziert, weil man sich an Klischees orientiert.
- Weibliche Teenies müssen damit rechnen, dass ihre Bewegungsfreiheit aufgrund der Aktivitäten anderer Personen eingeschränkt wird.
- Es dringen deshalb wenig Informationen durch, weil die Folgen ungerecht sind: momentan ist es immer noch so, dass man lieber die potenziellen Opfer einschränkt, statt den Fokus auf Gewaltprävention zu legen. Setzen wir uns dafür ein, dass sich das ändert, dass Gewalt gar nicht erst ausbricht und wir uns alle frei bewegen können!
Ursula Wyss
Mitglied Parlament
Präsidium Geschäftsprüfungskommission
Kassierin SP Worb